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Nikolaus Ludwig Graf von Zinsendorf (1700 bis 1760)

und was er mit unserer Männerbewegung zu tun hat. interpretiert von Hans-Peter Rösch

Weltweit kommt wohl jeder Christ irgendwann in seinem Glaubensleben an den “Losungen der Herrenhuter Brüdergemeine“ vorbei. Nein, Brüdergemein(d)e ist kein Tippfehler: Sie waren eine Gemeine, weil sie bereit waren einen Teil ihres Lebens geschickt und zum Segen für andere gemeinsam zu leben. Sie brachten tolle Männer hervor - was ja auch das Ziel unseres CMBs ist. Wie lebten Sie zusammen?


Seit 1731 werden diese „Losungen“ ohne Unterbrechung auch durch die 2 Weltkriege gedruckt, in 50 Sprachen übersetzt, allein in Deutschland 1 Million jährlich verkauft … das sind schon sehenswerte Zahlen. Was gibt diesem Buch seine Kraft? Welcher „Kopf“ und welcher „Geist“ stecken da dahinter?

Hier die Biographie des Erfinders:

Nikolaus Ludwig Graf von Zinsendorf wurde am 26.Mai 1700 geboren. Sein Vater – ein statthafter Graf im Ministerium - heiratete schon schwerkrank und in hohem Alter eine zweite, noch sehr junge Frau und starb schon wenige Wochen nach der Geburt seines Sohnes. Er wuchs also vaterlos oder besser gesagt unter Ersatzvätern auf. Ein Kennzeichen vieler Männer heute, die ihren Vater viel zu früh, früher durch Krieg, dann wegen dem Wirtschaftswunder oder heutzutage durch Schei-dung verloren haben. Derzeit wird jede zweite Ehe geschieden – etwa 50% aller Männer in Deutschland kennen diesen Vaterverlust und es ist von daher dringend wichtig, wie dieser folgen-reiche Vaterverlust transformiert werden kann. Dafür ist uns Nikolaus Ludwig Graf von Zinsendorf allen ein Vorbild.

 

Zinzendorfs junges Leben war geprägt von den Dingen, die Vaterlose oder Untervaterte auch heute treffen:

  1. Empfinden von Heimatlosigkeit – erst wurde als Kind er viel herumgereicht, dann warft man ihm später vor, dass er ständig Herrenhut verlassen hat, um anderswo sein Glück zu versuchen.
  2. Platzlosigkeit in der Gesellschaft – nirgends im Internat, im Studium, am Hofe, beim Ministerium gab man ihm dauerhaft eine Stelle. Er musste sich selbst einen Platz erschaffen.
  3. Zerplatzte Hoffnungen auf Nähe zu anderen Glaubensbrüdern. Im Internat wurde er von Herrmann Franke ausgeschult, weil er zu selbstherrlich war. Die Pietisten unter Jakob Spener warfen ihn raus, weil er kein Bekehrungsdatum nennen konnte, John Wesly trennte sich von ihm, weil er zu wenig diszipliniert war, die Lutherischen Wittenberger Theologen verweigerten ihm das Theologiestudium, weil er zu umstürzlerische Gedanken hatte. Niemand wollte sich über diesen Vaterlosen so richtig kümmern geschweige denn verwenden – ein Phänomen auch heute übrigens. Ist man einmal vom Vater verstoßen, setzt sich dies im Leben ständig fort! Das ist die Macht des Vaters!
  4. Anpassungsprobleme, wo er auch hinkam, zu auflehnerische Aussagen gegen das höfische System nach oben und zu grenzenlose Verschmelzung mit den Bauern, Handwerkern und Rausgeschmissenen nach unten, die sich um ihn sammelten. Er konnte sich nur schwer „normal“ verhalten. Die Vaterlosigkeit bewirkt auch heute noch entweder Auflehnung gegen Autoritäten oder Selbstablehnung in jungen Männerherzen – meist aber beides.

Seine Großmutter war schon mit in dem in Halle entstandenen Pietismus in Kontakt gekommen und brachte dem jungen Zinsendorf die ersten Glaubensschritte bei. Er saugte sie als Vaterloser ein und verinnerlichte sie ungemein schnell. Er nutze die vielen Menschen und das was sie ihm sagten als Projektionsfläche seines Wesens, er wusste, das er noch viel zu lernen hatte und er suchte immer bei sich die Schuld, er schob sie niemand anderem für seinen Zustand in die Schuhe. Nach jedem Rausschmiss stand er schnell wieder auf und transformierte die Negativerfahrung in einen persönlichen Gewinn. Ja, er nutzte jeden Widerstand und bastelte daraus geschickt einen neuen Glaubensweg … und … er entwickelte ein sagenumwobenes Organisationstalent – das, was ihm von offizieller Seite zwar nie zugestanden wurde. Alle seine Bewerbungen zu Hofe im In- und Ausland wurden trotz seines guten Namens vom Vater her zurückgewiesen.

Bei seiner Heimkehr stieß er auf eine Gruppe von Flüchtlingen, die „Böhmischen Brüder“, die ihres Landes verwiesen waren und nun sich um einen Gutshof in der Nähe seines gerade neu gekauftes Schlosses Bethelsdorf bei Herrnhut siedelten und Zinzendorf erlebte bei ihnen freundlichste Aufnahme und verständnis. Er erfuhrt recht bald dort sein persönlichen Pfingsten, wie er es nannte – die Geburtsstunde der Herrnhuter Bewegung.

Aber er schaffte, was auch wir schaffen können – er transformierte seine negative Geschichte und die anderer Menschen in einen Segen für andere.

Dieser biblische Zusammenhang wird im Thema 2 des Christlichen Männertrainings „Wer bin ich?“ ausführlich beleuchtet.

Die biblische Grundlage: 1.Petr 2,24: „ …. der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden ist uns heil zugeflossen.“ 

Die Geschichte des Nikolaus Ludwig Graf von Zinsendorf war Gott heilig – genauso so wie jedermanns Lebensgeschichte Gott heilig ist. Die Frage ist, wie man umgeht mit ihr. Abspalten durch Frömmelei ist widersinnig. Aus seinen Wunden (aus denen von Jesus wie aus denen von Zinsendorf) ist uns Heil zugeflossen – Zinzendorf entwickelte aus all seinen Negativerfahrungen ein auch heute noch lebbares Modell von Bruder und Schwesternschaft, was immer wieder Vorbild für andere Gemeinschaften diente.

Im Chorhaus der Schwestern und dem der ledigen Brüder (Jüngerhaus) in Herrnhaag existiert heute noch eine christliche Communität.

Die zweite gründete er zunächst zusammen mit John Wesly in Lindsey-House nahe bei London. Heute noch ist dort ein großes Studienzentrum der Methodistischen Kirche.

Bei all seinen Gründungen war aber auch viel persönliches Leid zugegen. Wir sollen Jesus in seinem Leiden und Auferstehen ähnlich werden, war seine Stellungsnahme, worin sein herz Ruhe suchte.

Die Frage heute wie früher ist: Wie kann man seine Negativität (die Schuld und Sünde deiner Lebensgeschichte) wandeln in einen Segen für andere?

Hier das Beispiel des lebendigen, intelligenten Herzens Zinsendorfs, das wohl durch einige „kleine Tode“ ging, aber durchaus Auferstehung hinbekam:

Zwei weitere Gemeinschaften folgten. Zunächst wurde Herrnhaag zu Zinzendorfs neuer Heimat, es beherbergte in seiner Blühte bis zu 1000 Menschen. Später wurde es von Zinzendorf wegen religöser Irrlehren eigenhändig geschlossen.
1. Er transformierte seine eigene Heimatlosigkeit und schuf ein Zuhause für Heimatlose. Er organisierte 3 Dörfer (Herrenhut, Herrnhaag und Lindseyhouse bei London – letzteres zunächst noch in Zusammenwirken mit John Wesly) und diese Dörfer blühten wirtschaftlich derart auf, dass jeder Landherr ständig Gesandte sandte, um bei ihm abzuschauen. Hunderten von Menschen hier und in Übersee wurde dieses Dorf, das Menschen ein Zuhause gab, ein Vorbild. Hunderte Missionare gingen von Herrenhut aus in fast alle Welt und lebten dort einen neuen liebevoll angepassten Missionsstil, ganz anders wie die imperialistische, besitzergreifende Kirche dies mit Zwangsbekehrung tat.
2. Er transformierte seine Misserfolge bei der Stellensuche und wies durch ein Losverfahren jedem einen Platz zu. Für ein Amt wurde ein geeigneter Bewerber aufgestellt. Er zog nach langem Beten und Vorstellen, wie es sein würde, wenn er genommen werden würde oder nicht ein Los. Es gab immer 3 Lose: Ja – Nein – Aufgeschoben. Zinsendorf ging sogar soweit: Jeder Mann und jede Frau hatte gleich 3 Plätze in der Gemeinschaftsordnung (siehe Diagramm später).

3. Er transformierte seine Ablehnung in frommen Kreisen und schuf Einheit. Er war ein echter Menschenfreund – er verweigerte sich elitärem Denken. Überall fand er Christen die ihm gerne zuhörten - er spaltete sich und seine Bewegung nie ab von anderen Gruppen oder der Kirche. Er führte für sich selbst als Graf die Fußwaschung ein – damit er sich demütige unter einfache Menschen.

4. Er transformierte seine Anpassungsprobleme in ein organisiertes System der Annahme im Gemeinwesen. Er entwickelte mit seinem Losungswesen für Leiterschaft eine neue Ordnung für das Zusammenleben von Menschen (Brüdern und Schwestern), das viele begabte Leiter hervorbrachte. Er setzte die Gleichstellung der Frau durch, was zu der damaligen Zeit ein vielbelächeltes Novum war. Es wurde fast 100 Jahre lang ununterbrochen im Turm seines Anwesens gebetet.

Und …………….. er transformierte selbst seine Vaterlosigkeit und wurde so ein Vater vieler Menschen in Deutschland, England und in den Missionsgebieten, die in vielen Teilen der Welt gegründet wurden.

Nicht alles jedoch war transformiert am Ende seines Lebens 1760:

Er blieb lebenslang der unangefochtene Leiter der Bewegung und konnte niemand so richtig an seiner Seite dulden. Nachfolger mussten sich mühsam wie er einst seinen Platz einnehmen. Er regelte keine nachfolge. Vieles hing an seiner Frau, die wirtschaftlich wirklich Wunder vollbrachte, um ihm seine Reisen zu ermöglichen. Gut 6 Jahre lebten sie getrennt (er wurde des Landes verwiesen). Selbst sein eigener Sohn opferte sich für ihn in einer versuchten Zweigstelle – Zinsendorf sah dies viel zu spät erst ein.

Die Gräber der Zinzendorfs stehen heute noch vor Herrnhut.

Ein Mann mit vielen Wunden aber einem brennden herzen für Jesus - er hatte bis zu seinem Tode untransformrierte Schattenseiten, klar bei diesem Startkapital. Aber er wusste darum – und glaubte bei seinem Tod einen gnädigen Vater im Himmel anzutreffen.

Das Organisationsmodell der Herrnhuter Gemeinschaft

1. Die Chöre – jeder war einer Gruppe „gleich lebender“ zugeteilt – eben die die gerade das gleiche Lebenslied singen. Es gab sie es für

- ledige Männer (Single-Männer-WG)
- verheiratete Ehemänner
- ledige Frauen (Singel-Frauen-WG)
- verheiratete Ehefrauen

Sie sind vergleichbar mit dem heutigen Frauenfrühstücksstreffen und der Christlichen Männer-Bewegung.

2. Die Banden – jeder war in einer oder mehreren Banden organisiert – die die zusammen etwas losmachten. Lehrteams, Missionsgruppen, Familien, Handwerkergruppen, Leute mit besonderen Aufgaben in der Gemeinschaft.

Sie waren gemischt geschlechtlich und sind vergleichbar mit dem heutigen Hauskreisen.

3. Der Gottesdienst - jeder ging sonntags in die evangelisch lutherische Kirche vor Ort.. Dort war man wie jeder Besucher ehr still, einige beteligten sich, aber es war meist nur Anwesenheitspflicht. Zinzendorf wollte es sich nicht mit der Kirche verderben, die schon damals nur den einfachen Anspruch hatte, dass man eben Sonntags eine Stunde sitzend anwesend war.

Vor dem Gottesdienst sonntags ab 5.00 Uhr traf sich Zinzendorf mit jedem Chor und jeder Bande vor dem Gottesdienst zur Besprechung und Austausch.

4. Das Amt – jeder – Frauen wie Männer erhielt eine Aufgabe auf dem Gutshof, im Herrenhaus für die vielen Besucher oder in der Landwirtschaft. Dieses Amt wurde auf eine bestimmte Zeit verlost. So kam man ´rum – jeder wusste schon, was ihn irgendwann man treffen konnte: Lakai, Gutsverwalter, Zimmermädchen, Stundenleiter, Landwirt, Handwerker, Missionar, Stiefelknecht, Zofe, Schafhüter, Stallknecht alles wurde über ein Losverfahren durchgewechselt.

5 Das Liebesmahl – Sonnatgsabends fand das
Liebemahl der Brüder und Schwestern statt.
Zinzendorf und später auch seine Frau dienten
dort den Chören mit Liedern , Fußwaschung, Bibelzitaten,
Predigten und eben viel Gemeinschaft und Lachen.